Lichtgestalten

Juli 2007

Die Laudatio:

Sehr geehrte Gäste, geehrte Vertreter des Freiberger Kunstvereins und der Kreissparkasse Freiberg, lieber Rolf Büttner.
Ich freue mich sehr, dass Du mich eingeladen hast, die Laudatio zu Deiner Ausstellung „Lichtgestalten“ zu halten. Seit langem kenne ich Deine Arbeit und habe sie kritisch und interessiert verfolgt.

Rolf Büttner, Jahrgang 1968, studierte 1994 bis 1998 an der Bauhausuniversität Weimar und kam hier das erste mal mit der Produktion von Kunst in Berührung.

Kreative Beschäftigung wird bei Büttner durch Themen und Konzepte bedingt. Sein Schaffen ist sich selbst nie genug, sondern immer auf ein Thema bezogen. So entstand ein Maßstab, der gleichzeitig auch Bedingung ist, für etwas, das man Kunst nennen würde. Seine Arbeiten sind Untersuchung, Kommentar, Kritik oder ironische Randbemerkung.

Die Präsentation der LICHTGESTALTEN ist als Fortentwicklung von Büttners Ausstellung 2005 in der Turmgalerie Augustusburg zu verstehen. Damals entwickelte er unter dem Titel MENSCHENBILDER 5 Kategorien von Abbildungen menschlicher Gestalten. Diese Kategorien nutzten jeweils spezielle Methoden der Bildherstellung. Büttner machte bewusst auf diese Methoden aufmerksam und unterstrich damit deren absichtlichen und experimentellen Charakter.
Kategorie 2 titelte er damals „Bildermenschen“, und ich darf aus dem Begleittext zitieren, weil diese Passage auch programmatisch für diese Ausstellung ist.:
„Ich versetze diese Bilder (Damit meint er die massenhaften Abbildungen von Menschen, die nach dem Willen ihrer Urheber Vorbildfunktionen erfüllen sollen.) wieder in einen abstrahierten Zustand, in dem die Realität nicht mehr simuliert werden kann. Die Bilder geben sich so wieder als solche zu erkennen. Sie zeigen wieder offen ihre Abhängigkeit von bestimmten Materialien...“

Viele der hier ausgestellten Arbeiten verwenden Materialien und Techniken, die in der Bildproduktion nicht allgemein üblich sind. Büttner setzt altes Stahlblech ein und Abbeizer, er verwendet u.a. Winkelschleifer zur Herstellung von Kontrasten.
Das Gewicht, welches hier das Material bekommt, steht im Kontrast zum entmaterialisierten Zustand, in dem die Motive, die Büttner hier verwendet, üblicherweise erscheinen. Lebensgroße, allgegenwärtige Farbfotografien, Filmbilder täuschen in ihrer Erscheinung darüber hinweg, selbst nur Bild zu sein. Sie spekulieren mit dem Irrtum, der dem Betrachter unterlaufen soll, diese Bilder selbst für Realität zu halten. Damit beschäftigt sich Büttner, das ist sein Thema.

Lichtgestalten sind im religiösen Zusammenhang übernatürliche Erscheinungen. Sie sind nicht von dieser Welt und fungieren häufig als Verkünder einer höheren Wahrheit. Wem eine dieser Gestalten erscheint, der ist erleuchtet und durch seine Erkenntnis über seinesgleichen erhoben.
Umgangssprachlich werden Menschen mit herausragenden Leistungen auf einem bestimmten Gebiet als Lichtgestalt bezeichnet. Lichtgestalten sind dem Göttlichen nahe und bereits eher geistiges Wesen als irdische Gestalt.
Büttner zieht die Parallele von der religiösen Lichtgestalt zur ebenfalls entmaterialisierten Darstellung von Menschen als leuchtende Vorbilder in den modernen Medien. Er transportiert die Lichtgestalten mit seiner Methode in unsere irdische Existenz. Die Gestalten gewinnen Oberfläche, Struktur und Material. Sie bekommen damit auch Eigenschaften wie Verletzlichkeit und Fehlbarkeit.
Damit wird Büttners zentrale Frage sichtbar, nämlich inwiefern die entrückten Gestalten, die unsere Medienwelt hervorbringt, den Anforderungen irdischer Existenzen gerecht werden können.

Indem die menschlichen Eigenschaften der Figuren wieder zur Disposition stehen, bieten sie auch Spielraum für ironische Betrachtungen. Das äußert sich augenscheinlich in der Figur der Irene. Diese überlange, dünne Modellgestalt ist nicht im üblichen Sinne schön. Das lange Kleid, die Handschuhe und ihr Bemühen um eine gute Figur machen ihren Wunsch, Ideal auszusehen, offensichtlich. Allein, dass es ihr nicht gelingt, gibt ihr sehr menschliche Züge. Überhaupt scheint Büttner das figürliche Gestalten für ironische Betrachtungen geeignet. Auch die keramischen Plastiken zeigen durchweg gebrochene Gestalten, die jedoch nie bloßer Lächerlichkeit preisgegeben sind.

Ein weiteres Thema in Büttners Ausstellung sind Verweise auf historische Bilder und Figuren. Das wird plausibel, wenn man berücksichtigt, dass die moderne Bildsprache von historischen Sujets beeinflusst ist. Selbstverständlich ist unsere Kultur eine Fortsetzung vorangegangener Epochen. Alles was vergangen ist, geht als Basis in jede neu entstehende Gesellschaft ein. Büttner bringt in seinen Zeichnungen von Paaren Figuren historischer Darstellungen mit Figuren heutiger Bildproduktion zusammen. Offensichtlich geht es ihm dabei nicht um konkrete Bezüge. Die gewählten Motive sind nicht allgemein bekannt und Hinweise im Bildtitel fehlen. Die Paare sind auf merkwürdige Weise ungleich, sie wirken wie ein Missverständnis. Sie lassen den Betrachter auf sehr subtile Art spüren, dass sich die Idealvorstellungen vom Menschen sehr gewandelt haben und wohl auch weiter wandeln werden.

Abgesehen von den Themen, die Büttner bearbeitet, ist auch seine Arbeitstechnik bemerkenswert. Keine der gezeigten Arbeiten ist von komplexer, ausgefeilter Komposition getragen. Besonders in den Zeichnungen sieht man eher spontane, schnelle Gesten. So spürt man eine gewisse Unruhe und Flüchtigkeit. Büttner selbst sieht das als Kontrast zu den perfektionierten medialen Bildern, die er verarbeitet. Den apparatischen Bildern setzt er die affektierte Geste der zeichnenden Hand entgegen, egal ob sie einen Bleistift oder einen Winkelschleifer führt.
Seine Arbeitsweise ist demnach eine Form der Kritik. In einigen Zeichnungen finden sich Texte, die plakatähnliche Formen entstehen lassen. Auch diese können als Form der Kritik verstanden werden. Büttner bleibt hier nicht formal, sondern wird konkret und spricht Fragen der Täuschung und des Alterns an. Durch die gewählte, lapidare Form bleiben die Aussagen seine persönlichen Statements, auch wenn sie durchaus von allgemeiner Bedeutung wären.

Die Ausstellung LICHTGESTALTEN von Rolf Büttner bietet einige interessante Ansatzpunkte, darüber nachzudenken, wer unsere Vorbilder sind. Letztendlich entscheidet auch das über den Weg, den unsere Gesellschaft nimmt.

Büttner scheint nach wie vor auf der Suche zu sein. Bleibt abzuwarten, welche der gezeigten Wege er beschreiten wird.


Norbert Teufl

Weimar, 21.7. 2007

 

Bild rechts:
3 Frauen, Acryl, Aluminiumblech geflext, 100 x 70, 2006

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